Ein Sommer in Corona del Mar


Rufi Torpe

   Einer der besten Romane in diesem Sommer


Eine packende, tiefsinnige, berührende Geschichte über Freundschaft, Erwachsen werden und das (erschütterte) Gefühl, jemanden nicht zu kennen. Zu keiner Zeit vorhersehbar lässt die Autorin Rufi Thorpe den Leser teilhaben am Zerbrechen einer Freundschaft, an der individuellen Entwicklung zweier besten Freundinnen.

Mia, eine der beiden Protagonistinnen erzählt im Rückblick die Geschichte von der Freundschaft zwischen ihr und Lorrie Ann, die bereits in Kindergartentagen begann. Beide wuchsen in Corona del Mar auf, wobei ihre eigene Familie aus einer trinkenden Mutter und zwei kleinen Brüdern bestand, Lorrie Anns Familie aus einem sich und ihre Kinder liebenden Elternpaar. Die Mutter Dana Erzieherin, der Vater ausgesprochen unkonventionell, ein ambitionierter Musiker. Beide gläubig. Wohnhaft in einer kleinen, engen Zweizimmerwohnung. Der Bruder schläft, vermeintlich auf Grund der beengten Wohnverhältnisse und der Zwergensammelwut der Mutter, im Zelt auf dem Balkon, dennoch ist die Familie aus Sicht von Mia sehr glücklich. Der große Bruder versteht sich bestens mit ihr. Das pure Familienidyll, trotz widriger Umstände. Mia findet alles an ihrer Freundin perfekt: ihr Aussehen, ihren Intellekt, ihre Familie, ihre absolute Loyalität zu ihr. Die Gefühle von Lorrie Ann erfährt der Leser „aus zweiter Hand“. Dieser Filter ist besonders zu Beginn des Buches so hervorragend, weil zum einen dem Leser Lorrie Ann als Quasi-Göttin vermittelt wird, zum anderen die Protagonistin Mia ihre Verbundenheit, ihre Achtung zu Lorrie Ann legitimiert. Aber auch Mias Persönlichkeit wird in Abhängigkeit zu Lorie-Ann gedacht. Nur weil Lore so ist, wie sie ist, muss Mia den Gegenpart übernehmen. Dadurch wiegt die Erkenntnis, dass sie ihre beste Freundin wohl doch nicht so gut kannte, sie doch nicht so perfekt ist und war, umso schwerer. Auch all die Katastrophen, die Lorrie-Ann aushalten und erfahren muss, treffen den Leser unmittelbar. (Um hier nichts von der Handlung vorwegzunehmen, wird auf das Benennen einzelner Schicksalsschläge der Mädchen und späteren Frauen verzichtet.) Mit wenigen Protagonisten und einer sehr unmittelbaren Erzählweise baut die Autorin eine Wörterwelt auf, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat. Mit Analepsen wird das Bild von Corona del Mar, Yale, dem Krankenhaus und den Figuren von Kapitel zu Kapitel vollständiger. Ich hatte bald das Gefühl, die Protagonisten zu kennen. Nach dem überraschenden Schluss des Buches bin ich fast etwas traurig, dass ich die Figuren nicht weiter begleiten kann.

Handwerklich ist der Roman großartig. Die erzählte Zeit ist zeitweise Erzählzeit. Ausführlich werden Erlebnisse ausgebreitet, die die Handlung an sich nicht voran bringen, den Leser aber mit in das Leben der jeweiligen Protagonisten nehmen. Dann wieder wird erzählte Zeit unglaublich stark gerafft, dass mir als Leserin der Atem stockt. Es ist so unglaublich viel und so Unglaubliches passiert, was einfach zusammen mit anderem erwähnt wird. Zu diesem Zeitpunkt sind mir die Figuren jedoch schon so vertraut, dass ich es als Leser fast nicht fassen kann, was da alles geschieht. Dann gibt es wieder Auslassungen von bis zu drei Jahren. Mia liefert auch nicht nach, was in dieser Zeit passiert ist. Das Gegenüberstellen von unterschiedlichem Erzähltempo schafft diese eigentümliche Atmosphäre dieses Buches, das es einem als Leser unmöglich macht, es aus der Hand zu legen. Dem Buch merkt man an, das die Autorin Rufi Thorpe Literatur und kreatives Schreiben studiert hat.

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