Die Wiederentdeckugn der Kindheit



Als Kinder- und Jugendpsychiater trifft Herr Winterhoff naturgemäß auf Kinder und Jugendliche, die in ihrem Verhalten von der Norm abweichen. Genau aus dem Grund habe ich mich bislang seinen Büchern verwehrt, in dem er mit diesem Blick auf Kinder (und deren erziehende Erwachsene) schaut und attestiert, dass sie zu Tyrannen würden. Ich sehe nicht die Kinder aus einer psychiatrischen Praxis, sondern nicht in Behandlung befindliche Kindergarten- und Schulkinder. Eines eint uns: Wir stellen beide fest, dass die Kinder heute ein anderes Verhalten zeigen, als früher. Für ihn sind alle Kinder heute so anders als früher, ich sehe das selektiver. Winterhoff reklamiert für sich 1995 als Wendepunkt. Ich sehe diese erst gut ein Jahrzehnt später. Fest steht jedoch, dass das veränderte Verhalten keineswegs positiv ist und ich stelle fest: der Mann hat was zu sagen, er hat Ahnung und eine begründete Meinung, er verfügt über Ideen, woher die Veränderungen rühren und bietet Lösungen an. Er entlastet einerseits Eltern von dem Vorwurf, ihre Kinder nicht erzogen zu haben, mahnt jedoch fast im gleichen Atemzug die Erziehungsverantwortung der Erwachsenen an.




Die ersten 30 Seiten lese ich in einem „Rutsch“ und merke, wie ich anfange mich aufzuregen, weil mir das alles so bekannt vorkommt. Kinder, denen ich alles x-mal sagen muss, die nicht zuhören (wollen oder können), die auf die klarste und eindeutigste Ansage mit einer Frage erwidern, statt mit einer logischen und altermäßig eigentlich machbaren Antwort, Kinder, die nach der Hälfte der Stunde langsam mal anfangen, ihre Sachen auszupacken ist doch für viele von uns Alltagsgeschäft. Die Erklärung dazu gefällt mir ausgesprochen gut und klingt sehr plausibel. Die Kinder bringen die Erwachsenen dazu, dass diese sich auf die Kinder einstellen, nicht umgekehrt. Erwähnt wird die frühkindliche-narzisstische Phase, in der die Kinder von den Erwachsenen Reaktionen einfordern, um die Welt zu begreifen. Grenzen werden thematisiert, die Halt geben, die durch Menschen oder Gegenstände bestehen können und die durch das erproben von Reaktionen ausgelotet werden müssen. Sehr interessant!

Leider, wirklich leider, ist in dieses wirklich informative und dabei durchaus auch unterhaltende Buch nicht stringent erzählt und unterbricht durch häufige Abschweifungen,  Einrückungen und Schriftgrößenwechsel den Lesefluss. Es gibt zahlreiche Beispiele, mit denen Winterhoff seine Thesen und Ausführungen noch einmal deutlicher macht. Warum er aber dieses merkwürdige Konzept mit Luisa und Luis (geboren 2017) und Alex und Alexa (geboren 1990), die alle Kinder darstellen sollen, wählt, bleibt mir bis zum Schluss unklar. Dazu gibt es noch Beispiele aus dem Bereich Betriebssysteme und Autos. Ab der Mitte des Buches war ich unsicher, wen sich der Autor als Zielleser vorgestellt hat oder ob da einfach die „Gedanken mit ihm durchgegangen sind“, es ist zweifelsfrei auch ein emotionales Thema.  Unvermittelt geht er ganz weit zurück. Er nennt das Mittelalter als Referenzzeit und gibt dann als Datum 1417 an. Es ist für ihn auffallend, dass es kaum Quellen gäbe, die Kinderleben beschreiben und nachweisen. Hier sei auf Philippe Aries Geschichte der Kindheit verwiesen, die den Sachverhalt zügig aufklären kann.

Fazit:
Es ist mein erstes Winterhoff Buch und ich stelle fest, dass ich mir das, was er zu sagen hat gerne anhöre, wie er es aber zu Papier bringt mir zu langatmig, zu durcheinander und unstrukturiert, ist. Das Cover gefällt mir im Vergleich zu den weiteren Ratgebern aus seiner Feder ausgesprochen gut, da es freundlich, kindgerecht aber nicht kindlich, daher kommt, nicht den Eindruck eines belehrenden Ratgeber erweckt. Ich sehe das Buch klar als Elternbuch über Erziehung, über Kinderentwicklung, nicht als Ratgeber, nicht als Buch für Fachkräfte, die haben nämlich Beispiele den ganzen Tag und könnten eine komprimierte Fassung dieses Buches sicher besser vertragen.  


Dieses Exemplar wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt.

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