Erinnerungsliteratur von Uwe Timm



 Den Autor kennt man spätestens seit der „Entdeckung der Currywurst“. Mit

Am Beispiel meines Bruders
Dtv, 2003
8,49 Euro Kindle Edition

legt er ein sehr persönliches Buch vor, ein dichtes wie eindrucksvolles Werk der Erinnerungsliteratur. Man muss es gelesen haben, auch wenn es nicht immer leicht ist. Es öffnet die Augen, über das bewusste Erinnern und Vergessen. 

Der Autor schreibt auf den ersten Seiten, er habe bereits mehrere Anläufe unternommen, über den toten, aber durch die Erzählung der Eltern immer präsenten Bruder, mit dem er immerzu verglichen wurde, zu schreiben. Jedes Mal sei er ängstlich zurückgewichen, wenn er seine Entwürfe las. So bliebe es lange Zeit nur beim Versuch.

Klappentext:
Abwesend und doch anwesend hat er mich durch meine Kindheit begleitet, in der Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters, den Andeutungen zwischen den Eltern. Von ihm wurde erzählt, das waren kleine, immer ähnliche Situationen, die ihn als mutig und anständig auswiesen. Auch wenn nicht von ihm die Rede war, war er doch gegenwärtig, gegenwärtiger als andere Tote, durch Erzählungen, Fotos und in den Vergleichen des Vaters, die mich, den Nachkömmling, einbezogen.« Wer war dieser Karl-Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine? Warum hat er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet? Wie ging er mit der Verpflichtung zum Töten um? Welche Optionen hatte er, welche Möglichkeiten blieben ihm verschlossen? Wo ist der Ort der Schuld, wo der des Gewissens bei den Eltern, die ihn überlebt haben?

Meinung:
Der genealogisch der 68er-Generation zuzurechnende Autor schreibt mit seinem 2003 erschienen Werk nicht die Tradition der Väterliteratur fort, sondern positioniert sich klar als Schriftsteller der gegenwärtigen Erinnerungsliteratur. Wie Peter Henisch und Sigfrid Gauch widmet er sich der nationalsozialistischen Vergangenheit seiner Familie, jedoch nimmt er nicht ausschließlich den Vater in den Blick.
Bemerkenswert ist, dass er sich nicht in der 68er Tradition bewegt und den Bruch mit der Familie anstrebt, sondern sich auf den Weg macht, die Familiengeschichte zu ergründen, sich der Familie bewusst hinzuwenden. Diese erfolgt bei ihm größtenteils über Erinnerungen, die konkrete Gefühle und Ereignisse zum Gegenstand haben. Er bricht nicht mit dem Vater, um das bedrückende Erbe auszuschlagen, sondern wendet sich bewusst und verantwortungsvoll genau diesem Erbe zu. Er konfrontiert sich mit dem Nationalsozialismus, setzt sich damit auseinander. Timm verknüpft Dokumente und Erinnerungen und stellt sie in den Kontext der historischen Ereignisse.  Aus der Distanz gelingt es ihm, genau hinzuschauen, seine Schlüsse zu ziehen. Der Autor verurteilt weder Bruder noch Eltern, er bemüht sich nachzuvollziehen, wie es passieren konnte, dass die eigene Familie das Nazi-Regime unterstützte. Er hält sich mit Urteilen zurück, nimmt zur Kenntnis, dass die Mutter das Verschwinden der jüdischen Nachbarn nicht hinterfragte. Zurück bleibt er mit Unverständnis und der Ungewissheit, wie er selber sich in dieser Situation verhalten hätte.

Die nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung war lange Jahre auch durch ein kollektives Verschweigen der Naziverbrechen gekennzeichnet, durch eine Sprachlosigkeit ob des eigentlich Unsagbaren. Bis in die Gegenwart kann Familiengeschichte eng mit Nazi-Geschichte verwoben und ein Erinnern und Aufarbeiten mit schmerzlichen Erkenntnissen verbunden sein. 

Fazit:
Timm leistet mit Am Beispiel meines Bruders einen wertvollen Beitrag zur Annäherung an die Vergangenheit, zeigt individuelles Erinnern, befördert die Aufarbeitung der Familiengeschichte und einen Diskurs über Erinnerungskultur und schafft zusätzlich einen Text, der als kollektiv geteiltes Wissen verstanden werden kann, der das soziale Langzeitgedächtnis prägt. Mit diesem Werk hat er Erinnerungsliteratur geschaffen und seine individuelle Geschichte zur öffentlichen Geschichte gemacht, die Potential hat, Erinnerung und Wissen über die Vergangenheit zu bewahren und in eine zukünftige Generation hinüberzuretten.


Kommentare

Beliebte Posts